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Die 1994 einsetzende große Internet-Euphorie ist vorbei. Nachdenken ist angesagt. Sangen die Nichtregierungsorganisationen (NRO) beispielsweise PeaceNet, eine sogenannte Association for Progressive Communication, ComLink, GeenNet usw. zusammen mit John Perry Barlow von der Electronic Frontier Foundation und Mitglieder der konservativen Republikanischen Partei in den USA das große Internet-Freiheitslied, so fragt sich heute Roberto Verzola, Vorsitzender der philippinischen GRÜNEN, ob mit dem Internet die dritte Welle des Kolonialismus auf Südostasien zurolle.Jörg Becker
Politik- und Kommunikationswissenschaftler, Geschäftsführer des KomTech Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung in SolingenIst Internet ein Medium, eine Infrastruktur, eine virtuelle Realität, eine internationale shopping mall, ein anarchisches Reich der Freiheit, das neueste Einfallstor für multinationale Konzerne bei deren neo-liberaler Markterweiterung, der Todesstoß für den Nationalstaat? Von allem ein wenig, und wenn man die Internet-Dominanz von Japan in Südostasien in Betracht zieht, dann bleibt als Internet-Struktur oder Internet-Dichte pro Kopf der Bevölkerung für den »Rest« von Südostasien sowieso fast nichts übrig.
Internet in Südostasien hat gegenwärtig wenigstens eintausend verschiedene Facetten. Einige seien hier genannt:
Internet als Shopping-Mall
Während Nichtregierungsorganisationen (NRO) in den USA und Westeuropa Debatten über Zensur und Internet in China führen, (ich kenne allein für Deutschland drei in der Bearbeitung befindliche Dissertationen zu diesem Thema) ist die Zensurdebatte innerhalb Chinas kein großes Thema. Statt dessen geht es dort um dot.comrades, net shopping und Investitionen in E-Commerce durch den Hongkonger Milliardär Li Ka-shing. Und: Motorola, Fortune, Ericsson u.a. sponsorten die Konferenz »China Internet: World 2000« im April 2000 im China World Hotel in Beijing. China hat gute Aussichten, in nicht allzu langer Zeit die Zahl der Internet-Nutzer auf ein Niveau über das der USA anzuheben.
Internet als »Lifestyle«
Beschäftigt man sich mit den zahlreichen Internet-Cafés in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur, dann ergibt sich folgendes Bild: Für den Besuch eines solchen Cafés müssen die Jugendlichen sechs Ringgit (= drei DM) bezahlen. Dafür können die meist 13- bis 16-jährigen Nutzer eine Stunde lang auf einem der 25 Computer im Internet surfen. Diese Nutzer verbringen im Durchschnitt viereinhalb Stunden pro Woche in einem solchen Café. Gleichzeitig sind sie überdurchschnittlich heftige Nutzer der anderen neuen Medien ihrer Zeit, wie Computer, Videospiele, Walkman und CDs. Internet ist für diese Großstadtjugend »smokelah«, also wie Rauchen, es entspannt, es ist »cool«. Dem entspricht ein Ergebnis aus der Shell-Jugendstudie von 1985, warum deutsche Jugendliche so gerne und so lange telefonieren. Es sei einfach wie »in der Badewanne herum dösen«. Überkulturell und großstädtisch entspricht die Internet-Nutzung für die Jugend in Kuala Lumpur einfach einem Lebensgefühl, einem Zeitgeist. Diese Jugend ist im übrigen ihrer eigenen malaysischen Kultur bereits entfremdet und entrückt. Gehen sie in Downtown-KL im »Riverbank« essen, dann bevorzugen sie das international überall gleiche Fast Food. Unter der Rubrik »Going Ethnic« taucht auf der Speisekarte allerdings »rice«, »mamak mee« oder »curry lemak laksa« noch auf.
Internet als Chance für Oppositionsstimmen und Networking
Politik als Thema von Internet gilt selbstverständlich für alle Länder Südostasiens in der einen oder der anderen Form: Reaktionäre Exil-Vietnamesen aus den USA legten kurz nach Bekanntwerden des E-Mail-Anschlusses des vietnamesischen Regierungschefs Vo Van Kiet dessen elektronische Adresse lahm; die Ablösung von Suharto in Indonesien konnte qua E-Mail-Kommunikation verschnellert und effektiviert werden; der enorme Aufschwung des Internets in Malaysia ist vor allem den Homepages des verhafteten Oppositionspolitikers Anwar Ibrahim zu verdanken. 1997 wurde sogar der Schauprozess gegen Pol Pot per Internet übertragen — die Homepage mit der Videoaufzeichnung des »Volksgerichts« aus Anlong Veng (www.abc-news.com) wurde damals von 70.000 Nutzern abgerufen.
Regionale Traditionen in globaler Internet-Kultur?
Die elektronische Informationsstruktur Internet führt sowohl zu einer weltweiten kulturellen Homogenisierung als auch zu deren Gegenteil; sie gibt autochthonen Kulturen die Möglichkeit, sich im Netz zu präsentieren, das Netz für sich zunutze zu machen. Unklar bleibt zur Zeit freilich, wie das Verhältnis zwischen Homogenisierung und kultureller Regionalisierung zu gewichten ist. Dennoch sind die folgenden Beispiele einfach beeindruckend und schön. Vietnam ist und bleibt ein Land der Literatur, mit einem eigens der Belletristik gewidmeten Tempel in Hanoi. Es passt zu dieser Tradition, wenn das Versenden von Gedichten per E-Mail in Vietnam gang und gäbe ist.
Gilt in China das Gedenken an die toten Vorfahren zu den wichtigsten Tugenden, dann hilft auch hier das Internet, wenn man weit entfernt von der Heimatprovinz lebt und arbeitet. Auf einer neuen Webseite der Betreiberfirma Netor (www.
netor.com) können Chinesen seit kurzem Bilder, Briefe und Gedenkschriften für ihre verstorbenen Angehörigen veröffentlichen. Eine einfache Gedenkseite zu Ehren eines Verstorbenen ist kostenlos. Ein Spezialdienst mit einem virtuellen Traueraltar und grafischer Animation kostet dann aber zwischen 2000 und 5000 Yuan (500 bis 1.200 DM). Ist den Vietnamesen und Chinesen ihre Kultur im Internet wichtig, so ist gerade auch in Japan der Kulturfaktor bei der Nutzung moderner Informationstechnologien ungeheuer wichtig. Nach dem Vorbild der Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge baut Japan gegenwärtig neue Glasfasernetze, um mit einer neuen sogenannten Wavelength Division Multiplexing-Technologie eine 250-fache Leistungssteigerung gegenüber dem jetzigen Stand zu erreichen. Diese enormen Übertragungskapazitäten sollen vor allem für eine multimediale Gestaltung von Waka-Gedichten aus dem 8. Jahrhundert und digitalisierte Formen von japanischem Schach genutzt werden.Internet und Ethnizität
Virtuelle Ethnizität definiert Nils Zurawski als das Zusammentreffen von Internet und Ethnizität; es meint das über ein elektronisches networking entstehende Zusammenhörigkeitsgefühl der Angehörigen ein und derselben Ethnie, die aber verstreut überall auf dem Globus wohnen. »Makye Ame« ist das jüngste Internet-Café in Lhasa in Tibet. Internet heißt im Tibetischen »dian neo« und meint »elektrisches Gehirn«, und nun kann der im europäischen Exil wohnende Dalai Lama in seine alte Heimat surfen. Virtuelle Ethnizität ist zwar nicht so neu wie Zurawski meint — früher stellten Emigranten und Exilanten ihr damaliges net-working über Briefe oder Telegramme her — beschleunigt und intensiviert sich aber via Internet. Was besonders für die Anbindung der jüdischen Diaspora an Israel qua Internet gilt, gilt in steigendem Maß auch für die Kommunikation zwischen asiatischen Emigranten in Europa und den USA und ihren Heimatländern.
Größer, schneller, weiter — Internet im Wettstreit
Ökonomisch kennt das Internet in Südostasien viele Fronten, Kampfordnungen und Schlachtreihen. Singapur und Hong Kong versuchen sich gegenseitig im Internet-Bereich auf- und totzurüsten. Wer wird in diesem Raum die größte Sogkraft entwickeln können, so dass der gesamte elektronische Verkehr durch seinen backbone fließt? Der Internet-Service-Provider (IPS) Pacific Internet aus Hong Kong hat 300.000 (zahlende) Abonnenten, der neue IPS Starhub aus Singapur kam schon vier Monate nach seiner Gründung Anfang 2000 auf 200.000 Abonnenten (bei kostenlosem Service), Australiens Telstra hat alleine auf dem einheimischen Markt 450.000 Abonnenten, und Cable&Wireless HKT aus Hong Kong hat ebenfalls eine halbe Millionen Kunden an sich gebunden. Wer wird Sieger? Das alte kapitalistische Spiel um Vormacht, Vorrang, Größe und Schnelligkeit dreht sich auch in Südostasien immer schneller.
Internet als antikolonialer Rachefeldzug
1961 beendete Frantz Fanon sein Revolutionsbuch »Die Verdammten dieser Erde« mit folgenden Sätzen:
"Für die Dritte Welt geht es darum, eine Geschichte des Menschen zu beginnen, die den von Europa einst vertretenen großartigen Lehren, aber zugleich auch den Verbrechen Europas Rechnung trägt, von denen das verabscheuungswürdigste gewesen sein wird: beim Menschen die pathologische Zerstückelung seiner Funktionen und die Zerstörung seiner Einheit; beim Kollektiv der Bruch, die Spaltungen; und schließlich auf der unermesslichen Ebene der Menschheit der Rassenhass, die Versklavung, die Ausbeutung und vor allem der unblutige Völkermord, nämlich das Beiseiteschieben von anderthalb Milliarden Menschen. Also meine Kampfgefährten, zahlen wir Europa nicht Tribut, indem wir Staaten, Institutionen und Gesellschaften gründen, die von ihm inspiriert sind."
Könnte es vor diesem kolonialen Hintergrund sein, dass das Internet zu einer Art anti-kolonialer Rache der Dritten Welt gegen die Industrieländer mit einem Zeitverzug von 40 Jahren wird? Die Konquistadoren rotteten die Indios seinerzeit mit Erkältungs-Viren aus — heute kommt der "Loveletter"-Virus aus den Philippinen und richtet sich ausschließlich gegen Microsoft-Produkte von Bill Gates. (Ungewollt) richtig sprach die FAZ in diesem Zusammenhang von einer "Virus-Attacke". Attacke ist ein militärischer Begriff, und software kann jeder herstellen. (Man denke an Schröders greencard-Debatte!) Könnte Internet-Software zu einer Art Atombombe der Verdammten dieser Erde werden, billig und überall herzustellen und durch keinen Atomwaffensperrvertrag zu stoppen? — Bereits 1979 warnte das schwedische Verteidigungsministerium in einer damals weit beachteten Studie vor der zunehmenden Verwundbarkeit immer computerisierter Gesellschaften.
Das Internet in Südostasien ist ein immer bunter werdendes Puzzle, ein großes Mosaik. In diesem Sinne geben die folgenden Beiträge notwendigerweise und bewusst ein sehr heterogenes Bild. In Kooperation mit Saskia Busch habe ich sie ausgewählt und zusammengestellt. Sie stehen im Kontext meines von der EU geförderten Forschungsprojekts "The Social Usage of Internet in Vietnam and Malaysia" (www.interasia.org).
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Stand: 14. 八月 2000, © Asienhaus Essen / Asia House
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